Neugier und Wissen
10.04.2010: Basil Kerski im Gespräch mit Dieter Bingen, dem Direktor des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt
Prof. Dr. Dieter Bingen, geb. 1952 in Köln, ist seit 1999 Direktor des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt. 2004 wurde der promovierte Politikwissenschaftler von der Hochschule Zittau/Görlitz zum Honorarprofessor ernannt. Vor seiner Tätigkeit in Darmstadt war Dieter Bingen wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln (1981- 1999). Professor Bingen ist Mitglied zahlreicher Gremien, darunter des Kuratoriums der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bundesverband. 2006 wurde er mit dem Diplom des Außenministers der Republik Polen "für herausragende Verdienste um die Promotion Polens in der Welt" ausgezeichnet. Dieter Bingen ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher über Polen und die deutsch-polnischen Beziehungen, darunter der Monografie "Die Polenpolitik der Bonner Republik von Adenauer bis Kohl 1949-1997" (Baden-Baden 1998).
Herr Professor Bingen, seit zehn Jahren leiten Sie das von Karl Dedecius gegründete Deutsche Polen-Institut (DPI) in Darmstadt. Sie haben einmal gesagt, eine ihrer wesentlichen Aufgaben bestünde darin, den Deutschen die folgende Frage zu beantworten: Was ist das spezifisch Polnische heute, von dem die Welt lernen könnte und was die Welt bestaunen sollte? Es ist sehr schwer, eine pluralistische Gesellschaft mit einfachen Formeln zu charakterisieren. Dennoch möchte ich Ihre Frage aufgreifen. In welchen Bereichen kann Polen heute eine Inspirationsquelle für die Deutschen sein?
Einen ganz besonderen Platz in der politischen Kultur Europas nimmt zweifelsohne die Freiheitsbewegung Solidarność ein. Für mich war die Solidarność eine prägende Erfahrung. Polen galten in den Augen der meisten Deutschen seit dem Ende des 18. Jahrhunderts als Unruhestifter, als Menschen, die der politischen Realität unrealistisch begegneten. Die Solidarność-Bewegung hat aber gezeigt, dass diese Vorurteile nicht stimmen. Die Solidarność setzte eine selbstbeschränkte Revolution in Gang, sie erwies sich als eine friedliche und weitsichtig denkende politische Kraft, die nicht nur die politische Realität Polens sondern auch die Fundamente Europas verändert hat. Die polnische Freiheitsbewegung ist heute ein wesentlicher Bestandteil der demokratischen Kultur des neuen Europa - was leider allzu oft vergessen wird. Was können die Europäer von Polen lernen? Gegen die Bequemlichkeit anzudenken, der Glaube an die Veränderbarkeit von Verhältnissen, das sind für mich positive, typisch polnische Merkmale. Politisch und kulturell anregend für Nichtpolen kann auch die polnische Wahrnehmung Europas sein, vor allem die besondere Sensibilität für den postsowjetischen Raum. Polen hat verantwortungsvoll innerhalb der EU eine Vermittlerrolle zwischen der EU und ihren osteuropäischen Nachbarnationen übernommen. Polens Politiker machen dabei eine gute Figur, treten weder paternalistisch noch überheblich auf, sie überzeugen durch eine gute Kenntnis Osteuropas.
Als Sie vor einem Jahrzehnt die Direktorenstelle in Darmstadt antraten, versuchten Sie in einem Essay für das Jahrbuch Ihres Instituts eine Bestandsaufnahme der politischen und auch der geistigen Grundlagen der deutsch-polnischen Beziehungen durchzuführen. Damals haben Sie Folgendes festgestellt: Es gebe in der Bundesrepublik eine stabile deutsche Polen-Lobby mit einem differenzierten Polen-Bild. Aber die Distanz zwischen dieser Gruppe und dem Rest der Gesellschaft, vor allem der öffentlichen Meinung, sei erschreckend groß. Wie sieht diese Distanz heute aus?
Es gibt eine positive Dynamik im Bereich der Wahrnehmung Polens in Deutschland. Polen wird jetzt stärker als ein Partner betrachtet, der wichtig ist, auf den es in der EU ankommt. Der Weg zu dieser Erkenntnis war aber steinig, denn vor zehn Jahren wurde das deutsch-polnische Verhältnis größtenteils als ein Anwalt-Klient-Verhältnis betrachtet. Als Polen der NATO und EU beitrat, wurde deutlich, dass viele Politiker und Publizisten in der Bundesrepublik politische Gefolgschaft von Polen erwarteten. In den letzten Jahren musste sich auf der deutschen Seite die Erkenntnis durchsetzen, dass Partnerschaft nicht Gefolgschaft heißt und dass das deutsch-polnische Verhältnis eine besondere Herausforderung darstellt und nicht immer mit dem deutsch-französischen verglichen werden kann. Auch die polnische Seite musste ihren politischen Stil auf der europäischen Bühne finden, und tritt heute ruhiger, souveräner auf - sie hat Abstand genommen von einem unreifen, provozierenden Auftreten. Ebenso im Bereich der wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Kooperation wird Polen heute sehr viel ernster wahrgenommen, als es in der Vergangenheit der Fall gewesen ist. Doch trotz dieser positiven Dynamik ist das Wissen über Polen, das Interesse an Polen in der Breite der Gesellschaft immer noch gering. Das Unwissen ist teilweise erschreckend, und das gilt sowohl für die Eliten als auch für die weiten Teile der Gesellschaft. Natürlich kann man bei diesem Thema auch entgegen halten: Was weiß ein Deutscher über Frankreich, über Großbritannien oder Dänemark? Welche Politiker aus diesen Ländern sind bekannt? Das Problem gilt also für viele Nachbarschaften. Nicht-Wissen muss nicht gleich als eine Gefahr vernommen werden, aber ohne Wissen entsteht auch keine Neugier - und hier scheint ein Grundproblem zu liegen.
Ich denke, dass sich in der Wahrnehmung Polens in Deutschland einiges getan hat. Polen wird als ein Nachbar angesehen, auf den man achten muss, der ein wichtiger Akteur in der EU ist. Das ist doch eine große Veränderung gegenüber den 1990er Jahren.
Das ist richtig. Vor allem die europäische Verfassungsdiskussion, die Debatten zur Energiesicherheit und der östlichen Nachbarschaft haben vielen Deutschen bewusst gemacht, dass Polen etwas Wichtiges zu sagen hat. Zudem dürfen wir nicht vergessen, dass sich auch die Selbstwahrnehmung der Deutschen verändert. In vielen Bereichen ist die Selbstgewissheit verloren gegangen, die Berliner Republik begreift sich auch als eine Transformationsgesellschaft, das heißt: Wir sind in einigen Bereichen ein bisschen bescheidener geworden. Eine solche Haltung bietet auch die Chance, die Nachbarn anders wahrzunehmen. Doch auf der anderen Seite kann diese Stimmung auch zu einem stärkeren Rückbezug auf die Nation und ihre Probleme führen, was ein Verblassen der europäischen Idee zur Folge haben kann. In unserer Arbeit erleben wir freilich, vor allem auch in der Kooperation mit Schulen, dass die gesellschaftliche Dynamik in beiden Ländern ein neues Interesse am Nachbarn weckt. Die klassischen Stereotypmuster, wie "polnische Wirtschaft" oder Kriminalität, verlieren immer mehr ihre Bedeutung. Die größte Barriere stellt heute die weit verbreitete Vorstellung in Deutschland dar, Polen sei kein wirklich interessantes Land.
Wie sieht es auf der polnischen Seite aus, wie groß ist heute das Interesse an Deutschland? Ich habe den Eindruck, dass zwar die Zusammenarbeit in allen Bereichen gewachsen ist, jedoch ein großes Interesse an der deutschen Kultur fehlt. Die Bonner Republik hat vor allem seit den 1960er, 1970er Jahren eine starke Faszination auf Polen ausgeübt. Auf die heutige Bundesrepublik schauen die Polen gelassener, aber leider auch mit weniger Neugier
Wir dürfen nicht vergessen, dass die kulturellen Wahlmöglichkeiten für Polen heute viel größer sind als noch vor zwanzig Jahren. Die Bundesrepublik Deutschland war in den 1970er und 1980er Jahren die erste Anlaufstation in der freien Welt. Trotz der historischen Belastungen spielte die Bonner Republik in Zeiten des Ost-West-Konfliktes eine wichtige Rolle als erster Partner und wichtiger Vermittler - auch im Bereich der Kultur. Zwar hat Deutschland nichts von seiner bedeutenden Rolle für Polen eingebüßt, die Statistiken des wissenschaftlichen und kulturellen Austauschs sind immer noch imponierend, doch hat Deutschland und damit die deutsch-polnischen Beziehungen etwas an Exklusivität und Ausstrahlung verloren. Doch entscheidend für die polnische Wahrnehmung Deutschlands scheinen mir Erfahrungen aus den Debatten um das "Zentrum gegen Vertreibungen" und die deutsche Russlandpolitik zu sein. Bei vielen Polen ist dabei der Eindruck entstanden, Deutschland würde über ihre Köpfe hinweg über wichtige deutsch-polnische Fragen entscheiden. Entstanden ist dabei eine neue Erfahrung der emotionalen Distanz.
Wie hat sich in den letzten Jahren der Generationswechsel auf die deutsch-polnischen Beziehungen ausgewirkt? Die Generation derjenigen, die als Erwachsene den Krieg erlebt haben, ist von der politischen Bühne weitgehend abgetreten. Die meisten Deutschen, die östlich der Oder geboren wurden, waren zum Kriegsende Kinder und sind emotional viel stärker an ihre neue Heimat gebunden...
Der Generationswechsel hat zwar das Verhältnis entkrampft, aber gleichzeitig zeigen manche Politiker der jüngeren Generation, übrigens in beiden Ländern, einen Mangel an Einfühlungsvermögen, ohne das bilaterale Beziehungen nicht gut funktionieren. Ein sensibles Begegnen des Nachbarn beinhaltet doch die Fähigkeit zur Infragestellung von Denkmustern. Von der politischen Bühne ist weitgehend eine Generation abgetreten, die sich nach dem Krieg verpflichtet fühlte, die Beziehungen zu den Nachbarn auf neue Grundlagen zu stellen. Diese historische Notwendigkeit, dieses Ethos ist heute nicht mehr gegeben. Ein großes Problem in der politischen Landschaft ist zudem der Verlust von außenpolitischer Kompetenz. Im Bundestag finden sie nur wenige Abgeordnete, die sich für internationale Politik interessieren. Mit außenpolitischer Kompetenz können sie in deutschen Parteien und im Bundestag kaum Karriere machen.
Unmittelbar nach 1989 charakterisierten deutsche und polnische Politiker die Beziehungen der beiden Länder als eine Werte- und Interessengemeinschaft. Das große Ziel dieser Gemeinschaft, der EU- und NATO-Beitritt Polens, ist erreicht. Wie zeitgemäß ist noch die Formel von der Interessengemeinschaft?
Ein polnischer Publizist hat letztes Jahr behauptet, es gebe keine deutsch-polnische Interessengemeinschaft mehr. Deutschland und Polen seien in allen entscheidenden Fragen der EU und NATO unterschiedlicher Ansichten. Diese These ist meiner Ansicht nach völlig falsch. Allerdings bin ich der Meinung, dass die Interessengemeinschaft neu definiert werden muss. Sie muss dies tun aus der Unterschiedlichkeit, aus der Differenz heraus und dabei die übergeordneten Werte und Ziele formulieren. Vor allem in den Fragen der Energiepolitik und der Nachbarschaftspolitik sollten die gemeinsamen Interessen genauer bestimmt werden. Das ist nicht leicht, aber viele Polen wissen, dass im Vergleich zu anderen westeuropäischen Staaten die Deutschen noch immer diejenigen sind, die in diesen Fragen überhaupt auf die polnischen Nachbarn eingehen. Ich habe den Eindruck, dass die Regierung von Donald Tusk dies gut versteht und die Deutschen als Verbündete bei der Realisierung ihrer Vorstellungen von europäischer Politik zu gewinnen versucht. Eine Interessengemeinschaft entsteht nicht allein aus der Deckungsgleichheit von politischen Interessen, sondern aus gemeinsamen, langfristigen Zielen heraus. Es kommt darauf an, die Ziele zu formulieren und diese mithilfe von Kompromissen zu erreichen. Oder anders ausgedrückt: Interessengemeinschaft heißt nicht Harmonie. Dieser Begriff steht für die hohe politische Kultur, die Gegensätze so zu überwinden, dass man zu einer gemeinsamen Politik und Position kommt.
Kommen wir nun auf die Arbeit Ihres Instituts zu sprechen. Als Sie vor zehn Jahren die Leitung übernahmen, hatten Sie den Anspruch formuliert, stärker als vorher die Politik zu begleiten. Mit Hilfe des deutsch-polnischen Expertenkreises "Kopernikus-Gruppe" haben Sie versucht, neue Themen zu benennen und Lösungsvorschläge für bilaterale Probleme vorzulegen. Sie haben auch Workshops mit Parlamentariern organisiert. Konnten Sie mit Ihren Projekten Bewegung in die Politik bringen?
Konventionelle Politikberatung betreiben wir nicht. Wir begleiten die Politik, indem wir Foren des Dialogs schaffen, auf denen Deutsche und Polen grundsätzliche Fragen des Verhältnisses und der unterschiedlichen Wahrnehmungen aufgreifen. Dabei haben wir uns den guten Namen zu Nutze gemacht, den sich das Deutsche Polen-Institut in den ersten siebzehn Jahren unter der Leitung von Karl Dedecius erworben hat. Die Politikbegleitung stellt eine Erweiterung des Profils dar und bedeutet keine Vernachlässigung der traditionellen Stärken unserer Einrichtung, vor allem der Literaturkompetenz. Mit der Kopernikus-Gruppe haben wir versucht, auf eine unkonventionelle Art und Weise wichtige deutsch-polnische Themen anzusprechen. Die Resonanz auf die Memoranden der Gruppe war sehr unterschiedlich. Manches ist kaum bemerkt worden, andere, wie das Papier zur Rückführung von Kulturgütern vom Dezember 2000, in dem unkonventionelle, aber praktikable Vorschläge gemacht worden sind, haben zu einer breiten Diskussion geführt. Auch andere Dokumente, wie das zur polnischen Sprache in Deutschland, stießen auf ein interessiertes Fachpublikum. Darüber hinaus gibt es aber auch eine andere Form von Aufmerksamkeit: Die Dokumente der Kopernikus-Gruppe sind zu Bezugspunkten in den deutsch-polnischen Diskussionen an unterschiedlichsten Orten der Gesellschaft geworden.
Ein wichtiges Projekt des Instituts war in den letzten Jahren die Erstellung von Unterrichtsmaterialien zur polnischen Literatur und zur deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte. Wie war die Resonanz auf dieses Vorhaben?
Wir haben im letzten Jahrzehnt Angebote für Multiplikatoren geschaffen, um das Wissen über Polen in Deutschland zu fördern. Quasi als Fortsetzung der Vermittlungsarbeit von Karl Dedecius haben wir Unterrichtsmaterialien zur polnischen Literatur in Kooperation mit dem Cornelsen Verlag veröffentlicht. Die Nachfrage nach diesen Materialien ist sehr groß. Als Folgeprojekt haben wir Unterrichtsmaterialien zur polnischen Geschichte und zur Geschichte der bilateralen Beziehungen herausgegeben. Diese Publikation ist von Lehrern und Schülern besonders gut angenommen worden. Zudem suchen meine Mitarbeiter, vor allem Matthias Kneip und Manfred Mack, den direkten Kontakt zu Schulen und beraten Lehrer sowie Schüler. Ein absolutes Novum in der bundesdeutschen Bildungslandschaft ist das erste Lehrwerk "Polnisch als Fremdsprache" für Gymnasien, das von unserem Institut initiiert wurde. Ohne das grüne Licht der Kultusministerien hätten wir das Projekt nicht realisieren können. Nicht nur in den Grenzländern wird dieses Buch im Schulunterricht zur Anwendung kommen. An einer Darmstädter Schule wird es auch schon eingesetzt. Die Entwicklung des Schulbuchs zum Polnischunterricht ist eine kleine Erfolgsgeschichte, ein wichtiger Beitrag zur Steigerung der Attraktivität der polnischen Sprache in Deutschland.
Das DPI ist zwar keine klassische Forschungseinrichtung, dennoch besteht die Aufgabe des Instituts auch darin, Begegnungen von Wissenschaftlern zu organisieren und auch selbst Anregungen für die Forschungslandschaft zu geben. Welche sind die wichtigsten Projekte des Instituts auf diesem Feld?
Als wir im Jahr 2000 mit dem 50. Band, den Erinnerungen "Jenseits von Wahrheit und Lüge: mein Jahrhundert" von Aleksander Wat, die Polnische Bibliothek beendet haben, stellten wir fest, dass die polnische Literatur in Deutschland präsenter war als das geisteswissenschaftliche Leben Polens. Es entstand daraufhin die Buchreihe "Denken und Wissen. Eine Polnische Bibliothek", in der mittlerweile 13 Bände erschienen sind. Diese Buchreihe ist heterogener als die erste Polnische Bibliothek, in ihr kommen verschiedene Bereiche der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften und des kulturellen Lebens zusammen. Durch dieses Profil ist bei jedem Buch die Zielgruppe eine andere, was eine besondere Herausforderung bei der Bewerbung darstellt. Nach Ansicht von Fachkollegen ist es uns mit dieser Reihe gelungen, eine neue Vielfalt an polnischen Themen und Diskursen für das deutsche Publikum sichtbar zu machen.
Polen ist trotz seiner gewachsenen politischen und ökonomischen Bedeutung als Forschungsgebiet in Deutschland sehr marginal vertreten...
Nach 1990 haben viele Wissenschaftler eine Erweiterung der polenbezogenen Forschung in den unterschiedlichsten Disziplinen erwartet. Stattdessen ist das Gegenteil eingetreten. Eine Erosion der fachwissenschaftlichen Kompetenz durch Lehrstuhlabbau an Universitäten. Erstaunlich ist auch, dass in Deutschland kein zentrales, wissenschaftliches Polen-Zentrum existiert, also eine interdisziplinäre Forschungseinrichtung mit mehreren Lehrstühlen. Das Deutsche Polen-Institut bietet keinen Ersatz für eine solche Institution. Wir verstehen uns vielmehr als ein Forum, das die wissenschaftliche Kompetenz in Deutschland sichtbarer macht und Wissenschaftler vernetzt. Wir haben daher im Februar 2009 eine erste Tagung zur deutschen Polenforschung durchgeführt. Wir waren überrascht, wie viele kompetente, vor allem junge Wissenschaftler nach Darmstadt gekommen sind. Mit 80 bis 100 Interessierten haben wir gerechnet, knapp 250 sind aber gekommen. Wir waren beeindruckt, welch unterschiedliche Disziplinen vertreten waren, welch interessante Projekte zum Hauptthema der Tagung "Polen - Migrationen und Transfers" präsentiert wurden. Uns ist bei dieser Tagung bewusst geworden, dass eine neue Generation von deutschen Wissenschaftlern ohne polnischen familiären Hintergrund herangewachsen ist, die in den letzten Jahren in Polen studiert hat, Polnisch spricht und in engem Kontakt mit der Wissenschaftslandschaft Polens steht. Erstaunlicherweise ist diese Kompetenz trotz des Erosionsprozesses an den Universitäten in den letzten Jahren gewachsen.
Ist Darmstadt heute der richtige Ort für ein Deutsches Polen-Institut? Die kulturelle Landschaft der Bundesrepublik hat sich seit der Gründung des DPI 1980 erheblich verändert. Der Suhrkamp-Verlag, ihr wichtiger Kooperationspartner, hat die Konsequenzen aus diesen Veränderungen gezogen und ist Anfang 2010 aus Frankfurt nach Berlin gezogen...
Ich bin davon überzeugt, dass das Institut seine Aufgaben von Darmstadt aus sehr gut realisieren kann. Die Verbindung mit der Stadt Darmstadt ist quasi unser Markenzeichen. Das Einmalige am DPI ist, dass es eine deutsche Einrichtung ist, die das deutsche Interesse am Nachbarland und an den Beziehungen zu Polen widerspiegelt. Die Besonderheit dieser Beziehungen sollte mit der Gründung des Instituts hervorgehoben werden. Ich erinnere nur daran, dass es bis heute kein Deutsches Amerika-Institut oder kein Deutsches Britannien-Institut gibt, nur das Deutsch-Französische Institut in Ludwigsburg. Das DPI ist also eine deutsche Initiative, die Bundesrepublik ist ein großer, föderaler Staat, von Darmstadt aus können wir optimal in die verschiedenen Regionen Deutschlands hineinwirken. Wir werden in den nächsten Jahren noch tiefere Wurzeln in Darmstadt schlagen. Geplant ist mittelfristig ein Umzug des Instituts in das Residenzschloss, ins Zentrum der Stadt, wo die Technische Universität Darmstadt schon seit langem zuhause ist.
Wir dürfen die finanziellen Strukturen nicht außer Acht lassen: Wichtige Förderer sind die Länder Hessen und Rheinland-Pfalz
Das ist richtig, Hessen und Rheinland-Pfalz stellen den größeren Teil der Grundförderung, dazu kommt die Kultusministerkonferenz. Das Auswärtige Amt und Stiftungen leisten Projektförderung. Unsere Gebäude werden von der Stadt Darmstadt kostenfrei zur Verfügung gestellt. Ich glaube kaum, dass andere Länder und Städte zu einer solchen Unterstützung heute bereit wären.
Trotz einer Erweiterung des Profils und der Aktivitäten ist aber die finanzielle Ausstattung des Instituts in den letzten Jahren nicht gewachsen
Die Grundförderung stagniert seit einigen Jahren, es gab sogar Absenkungen durch die Kultusministerkonferenz. Glücklicherweise haben Hessen und Rheinland-Pfalz im letzten Jahr ihren Beitrag erhöht. Auch Dank des enormen Engagements der Mitarbeiter und durch Akquirierung von Projektmitteln konnten wir unser Programm erweitern. Doch dieser Zustand lässt sich schon heute kaum mehr aufrechterhalten. Die finanzielle Situation ist sehr schwierig. Wenn wir unser Programm auf dem jetzigen Niveau fortsetzen wollen, dann sind wir auf eine positive Weiterentwicklung unserer finanziellen Grundausstattung angewiesen. Derzeit bemüht sich das Institut um eine institutionelle Förderung durch den Bund.
Erlauben Sie mir am Ende unseres Gesprächs die Frage nach einem subjektiven Rückblick auf die letzten zehn Jahre des DPI unter Ihrer Leitung. Womit sind sie zufrieden? Welche Hindernisse kamen für Sie unerwartet?
Zunächst zu den Ernüchterungen: Wir hätten uns gefreut, wenn einige unserer Vorschläge aus unseren Foren etwas mehr Einfluss auf die Politik gehabt hätten. Ernüchternd ist auch, dass jeder Generationswechsel in der Politik und in den Medien eine grundlegend neue Anstrengung von Vermittlungstätigkeit erfordert. Schwierig ist auch die angesprochene finanzielle Situation. Unsere Einrichtung leistet immer mehr, der finanzielle Handlungsspielraum wird aber immer enger.Was uns aber immer wieder motiviert ist die große Resonanz auf unsere unterschiedlichen Programme, besonders seitens der Schulen sowie die ersten Erfolge unserer Vernetzung der Polenforschung. Froh bin ich darüber, dass es uns gelungen ist, unser Profil zu erweitern und dass dies auch von der Öffentlichkeit positiv aufgenommen wird. Wir sind auf viel mehr Themenfeldern präsenter als noch vor zehn Jahren.
Vielen Dank für das Gespräch.
Mit Dieter Bingen sprach Basil Kerski